Redeentwurf von Oberbuergermeister Huelsmann:
Thermal- und Heilquellen und ihre Bedeutung
fuer Kurorte in Deutschland
Sehr geehrte Damen und Herrn!
Als Oberbuergermeister des Heilbades Bad Mergentheim ist es fuer mich eine grosse Ehre und Freude zugleich, am Forum メ Gesundheit und Thermalbadモ teilzunehmen. Ich moechte mich ganz herzlich fuer Ihre Einladung bedanken, die mir die Gelegenheit gibt, zum ersten Mal in meinem Leben Japan zu besuchen.
Japan ist fuer uns Deutsche seit je her ein faszinierendes Land. Das liegt vielleicht daran, dass Sie trotz allem sozialen und technischen Fortschritt Ihre Traditionen bewahrt haben. Traditionen schaffen Bindungen, staerken den Zusammenhalt und geben den Menschen auch in Zeiten des Wandels Sicherheit. Eine solche Tradition ist die reiche Badekultur in Ihrem Land. Der Aufenthalt in oeffentlichen Baedern dient naemlich nicht nur der Entspannung, sondern ist auch ein fester Bestandteil des sozialen und kulturellen Lebens.
Die japanische Badkultur unterscheidet sich in vielen Punkten vom Badewesen in Deutschland. Ich bin neugierig, bei meinem Aufenthalt mehr darueber zu erfahren. Umgekehrt ist es vielleicht auch fuer Sie von Interesse, Einblicke in das Bade- und Kurwesen in Deutschland zu bekommen. In meinem Vortrag moechte ich dabei auch im Hinblick auf das Seminarthema vor allem den Aspekt der Anwendung von Thermal- und Minaralquellen in den Mittelpunkt stellen. Ich moechte aber auch die Gelegenheit nutzen, auf den aktuellen Strukturwandel im deutschen Gesundheitswesen einzugehen, da er sich auf das deutsche Badewesen und damit auch auf die deutschen Kurorte tiefgreifend auswirkt.
Lassen Sie mich zunaechst in wenigen Worten die Stadt Bad Mergentheim vorstellen. Bad Mergentheim liegt im Suedwesten Deutschlands und ist Teil von Baden-Wuerttemberg. Baden-Wuerttemberg ist eines von 16 Bundeslaendern, bei Ihnen wuerde man Praefektur sagen, die zusammen die Bundesrepublik Deutschland bilden. Baden-Wuerttemberg ist mit ca. 10,5 Millionen Einwohnern das drittgroesste Bundesland Deutschlands.
Baden-Wuerttemberg ist Ihnen vielleicht bekannt als moderner Industriestandort, in dem weltweit bekannte Firmen wie Daimler, Bosch, Porsche oder SAP ihren Sitz haben. Es ist aber auch ein Land der Kultur und reich an historischen Sehenswuerdigkeiten. Zusammen mit der reizvollen Landschaft ist dies eine gute Grundlage fuer eine florierende Tourismuswirtschaft, in der 200.000 Menschen beschaeftigt sind. Mehr noch: Baden-Wuerttemberg ist in Deutschland Baederland Nummer 1 mit 59 Kurorten und Heilbaedern, in denen ueber die Haelfte aller Uebernachtungen im deutschen Kurwesen stattfinden.
Bad Mergentheim ist mit seinen 22.400 Einwohnern ein Spiegelbild Baden-Wuerttembergs im Kleinen. Als Kur- und Fremdenverkehrsort profitiert Bad Mergentheim nicht nur von seiner schoenen historischen Altstadt, sondern auch davon, dass unsere Gemeinde Teil einer abwechslungsreichen Landschaft ist. Es ist gerade der Gegensatz zwischen dem Taubertal mit seinen Weinbergen und der baeuerlich gepraegten Hohenloher Hochebene, die den Reiz dieser Landschaft ausmacht.
Mit in den letzten Jahren durchschnittlich einer Million Uebernachtungen pro Jahr ist Bad Mergentheim das groesste Heilbad Baden-Wuerttembergs. Damit bildet die Kur- und Tourismusbranche den dominierenden Wirtschaftszweig unserer Stadt, der knapp die Haelfte der hier vorhandenen 10.000 Arbeitsplaetze ausmacht.
Als Kurort ist Bad Mergentheim Teil der aeusserst vielfaeltigen deutschen Kurlandschaft. Unser Kurwesen in Deutschland wird durch verschiedene Kurformen und vielfaeltige Arten von Kur- und Badeorten gepraegt, die bis ins einzelne gesetzlich normiert sind und die ich Ihnen zum besseren Verstaendnis kurz darlegen moechten. Allgemein kann man zunaechst sagen, dass man in Deutschland unter Kur einen Aufenthalt in einem Kurort versteht mit dem Ziel, die Gesundheit zu erhalten odder wiederzuerlangen. Dabei wird die Kur in Deutschland in der Regel aus der gesetzlichen Sozialversicherung finanziert, und zwar entweder aus der Krankenversicherung oder der Rentenversicherung. Deren Beitraege werden von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gemeinsam getragen. Wir haben in Deutschland also ueberwiegend mit einem staatlich ausgewiesenen Gesundheitswesen zu tun.
Wir unterscheiden in Deutschland im wesentlichen vier Fromen der Kur:
1) Die Anschlussheilbehandlung
Unter Anschlussheilbehandlung versteht man eine Kurform, die sich unmittelbar
an eine Krankenhausbehandlung anschliesst und in spezialisierten Re-habilitationskliniken
erbracht werden. Mit ihrer Hilfe soll bei bestimmten Indikationen der Heilungsprozess
nach schwerwiegenden Erkrankungen beschleunigt werden, um dem Patienten
die Eingliederung in das Alltags- und Berufsleben zu erleichtern.
2) Die Rehabilitation
Es gibt Krankheiten, vor allem chronischer Art, oder Behinderungen, die
sich negativ auf das Berufs- oder Alltagsleben auswirken. Die Rehabilitationskur
hat vor allem die Aufgabe, die Berufsfaehigkeit des Patienten zu erhalten
bzw. wiederherzustellen. Dabei kann die Kur stationaer, aber auch ambulant
durchgefuehrt werden.
3) Vorsorgekuren
Ist eine Krankheit noch nicht ausgebrochen oder liegt eine Gefaehrdung
der Gesundheit vor, tragen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten einer
sogenannten Vorsorgekur. Auch hier unterscheidet man zwischen ambulanten
und stationaeren Kuren.
4) Kompaktkuren
Relativ neu ist die vierte wichtige Form der Kur, die sogenannte Kompaktkur,
die es seit 1995 gibt. Diese ambulante Kur verbindet traditionelle Kuranwendungen,
wie etwa Massagen, mit umfassender Gesundheitsaufklaerung. Vor allem chronisch
erkrankte Patienten lernen in einer Kompaktkur, im Alltag mit ihrer Erkrankung
umzugehen. Dazu gehoeren Informationen ueber einen gesunden Lebenswandel
oder eine gesunde Ernaehrung. Diese Kompaktkuren werden von der gemeindlichen
Kurverwaltung selbst durchgefuehrt.
Ein Ort kann sich nur メBadモ oder メKurortモ nennen, wenn er bestimmte gesetzlich vorgeschriebene Voraussetzungen erfuellt. Die wichtigste Grundlage bildet das natuerliche Heilmittel, entweder des Bodens, des Meeres oder des Klimas.
In Deutschland gibt es insgesamt neun verschiedene Arten von Kur- und Erholungsorten. Die Einteilung erfolgt nach der Art und Wirksamkeit des Heilmittels, aber auch nach der Qualitaet der kurbezogenen Infrastruktur. So gibt es beispielsweise Heilbaeder, Seeheilbaeder, Knauppkurorte oder Luftkurorte. Zur Erlangung einer dieser Artbezeichnungen muss man ein staatliches Anerkennungsverfahrenn durchlaufen.
Soviel zum Ueberblick. Ich moechte mich im folgenden bei meinen Ausfuehrungen entsprechend unserem Thema auf die Heilbaeder beschraenken, Kurorte also, deren Behandlungsformen auf natuerlichen Heilmitteln des Bodens basieren. Neben Heilgasen und organischen Stoffen sind dies vor allem natuerliche Mineralquellen, die aufgrund ihrer Zusammensetzung, ihrer Eigenschaften, aber auch aufgrund von baederkundlichen Erfahrungen eien positive Wirkung auf die Gesundheit haben. Mineralquellen werden als Heilmittel (und damit Kurmittel) allerdings nur anerkannt, wenn ihre medizinische Wirkung auch wissenschaftlich erwiesen ist.
Darueber hinaus muessen Mineralquellen, um als Heilwaesser anerkannt zu werden, auch andere Voraussetzungen erfuellen. Sehr wichtig ist dabei ein Mindestanteil an gesundheitsfoerdernden Minearlien und Bestandteilen, wie es etwa Eisen, Magnesium oder Fluorid sind.
Die Einteilung der Mineralwaesser erfolgt in Deutschland wie in Japan im wesentlichen aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung. Ich moechte darauf verzichten, Ihnen die in Deutschland vorkommenden Mineralwaesser im einzelnen vorzustellen, denn so gut wie alle Wasserarten, die Ihnen in Japan bekannt sind, haben wir auch in Deutschland. Stellvertretend moechte ich hier nur Radonhaltige Waesser oder Saeuerlinge nenne.
In Deutschland koennen nur Minearlwaesser, deren natuerliche Temperatur bei Austritt der Quelle mehr als 20 Grad Celsius betraegt, als Thermen oder Thermalquellen bezeichnet werden. Bei Ihnen muessen sie mindestens 25 Grad Celsius aufweisen. Darueber hinaus sind Thermalquellen in Deutschland wesentlich seltener und durchschnittlich nicht so warm wie in Japan.
Das liegt daran, dass wir in Deutschland weniger tektonische Verwerfungen und vulkanische Aktivitaeten haben als in Japan. Aber dennoch gibt es in Deutschland eine Reihe von Heilbaedern mit warmen Quellen. Die meisten befinden sich bei uns in Baden-Wuerttemberg, was nicht zuletzt daran liegt, dass es hier zahlreiche erloschene Vulkane gibt. Allerdings erreichen diese Quellen nicht die Temperaturen wie bei Ihnen. Temperaturen zwischen 35 und 45 Grad liegen schon ueber dem Durchschnitt. Die heisseste bekannte Heilquelle in Baden-Wuerttemberg mit 58 Grad Celsius ist da eine grosse Ausnahme.
Um im gesetzlichen Anerkennungsverfahren in Deutschland als Heilbad anerkannt zu werden, muessen neben dem Vorhandensein von Heilquellen auch noch andere Voraussetzungen erfuellt werden. Dies betrifft vor allem die Infrastruktur und das Umfeld.
In der Regel haben deutsche Heilbaeder und Kurorte eine Trink- und Wandelhalle, wo die Kurgaeste ihre Trinkkuren verabreicht bekommen. Genauso wichtig ist ein Kurmittelhaus, wo zum Beispiel Baeder mit Heilwaessern angeboten werden. Und nicht zuletzt braucht ein Kurort auch einen weitlaeufigen Kurpark, wo die Kurgaeste Entspannung finden. Es ist ja gerade der Ortswechsel in eine stressfreie und angenehme Umgebung, der sich zusammen mit den Kuranwendungen positiv auf die Gesundheit auswirken soll.
Aber nicht nur an die kurbezogene Infrastruktur werden hohe Ansprueche gestellt. Heilbaeder als Orte der Entspannung und Erholung brauchen ein Umfeld, in dem sich der Kurbetrieb harmonisch einfuegt. So sind umweltbelastende Industriebetriebe oder ein zu grosses Verkehrsaufkommen nicht mit dem Charakter eines Kurortes zu vereinbaren, weil sie die Qualitaet von Luft und Wasser beeintraechtigen koennen. Umweltschutz und die Pflege von Gruenflaechen sind daher wichtige Aufgaben in deutschen Heilbaedern.
Heil- und Thermalquellen kommen nur bei den Krankheiten zur Anwendung, wo sich Heilwaesser erwiesenermassen positiv auf diese auswirken. Dazu muessen in Deutschland umfangreiche wissenschaftliche Gutachten ueber die Wirksamkeit und therapeutische Anwendungsmoeglichkeiten eingeholt werden, bevor ein Wasser als Heilmittel zugelassen und eingesetzt werden kann.
Die Anwendungsbereiche der Heilwaesser in Deutschland sind vielfaeltig. Thermalquellen werden vor allem bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, bei Rheuma und bei Stoffwechselkrankheiten eingesetzt. Grundsaetzlich unterscheidet man in Deutschland bei der Anwendung von heilenden Waessern Trink- und Badekuren. Wannenbaeder eignen sich beispielsweise besonders gut bei Hautkrankheiten oder Rheuma, waehrend Trinkkuren etwa bei Stoffwechselproblemen wie Verstofpung angewendet werden.
Bad Mergentheim ist ein Heilbad ohne thermische Quellen, dass heisst, wir haben Mineralquellen, die nicht die Mindesttemperatur von 20 Grad Celsius erreichen. Das heisst aber nicht, dass man bei uns nicht auch die heilende Wirkung von warmen Mineralwaessern nutzt. Nur muss dazu das Wasser kuenstlich erhitzt werden. Einige Experten sind sogar ueberzeugt, dass kuenstlich erwaermte Mineralquellen medizinisch aehnlich wirkunsvoll sind wie natuerliche Thermalquellen.
Traditionell ist Bad Mergentheim ein Stoffwechsel-Heilbad. Seine vier Bitter- und Glaubersalzquellen erlauben mit ihren unterschiedlichen Zusammensetzungen einen individuellen Therapieaufbau und ein breites Anwendungsspektrum. Drei Quellen werden fuer Trinkkuren genutzt, eine fuer Badekuren. Anwendungsbereiche in Bad Mergentheim sind:
l Organische Erkrankungen der Verdauungsorgane (Magen, Darm, Leber etc.)
l Stoffwechselerkrankungen (Diabetes, Gicht, Metabolisches Syndrom)
l Funktionelle Stoerungen des Verdauungstraktes (Diarrhoe, Obstipation
etc.)
l Erkrankung des Stuetz- und Bewegugsapparates (z.B. chronische Polyarthritis)
l Gesundheitsstoerungen aufgrund Fehlverhaltens in der Ernaehrung und Lebensfuehrung
l Untergewicht, Schwaeche- und Erschoepfungszustaende sowie
l Hauterkrankungen (Neurodermitis udn Psoriasis)
Insgesamt kann man sagen, dass die Bad Mergentheimer Quellen vor allem bei Stoffwechselstoerungen und bei Hauterkrankungen besonders wirkunsvoll sind, was nicht zuletzt am hohen Sulfatgehalt unserer Quellen liegt. Besonders gute Ergebnisse werden bei Badekuren fuer Hauterkrankheiten und Allergie erzielt, die in unserer modernen Gesellschaft stark zugenommen haben.
Heilbaeder und Kurorte wie Bad Mergentheim haben aufgrund ihrer Heilmittel und ihrer kurmedizinischen Kompetenz eine grosse Bedeutung fuer die Volksgesundheit. Allerdings sind viele Heilbaeder in ihrer Existenz bedroht, denn das deutsche Kurwesen befindet sich seit einigen Jahren in einem tiefgreifenden Umbruch. Hauptursache dafuer ist insbesondere die letzte Gesundheitsstrukturreform von 1996, mit deren Hilfe die Politik versucht hat, die ausufernden Kosten im deutschen Gesundheitsesen zu beschraenken.
Tatsaechlich sind in den letzten Jahren die Kosten fuer das Gesundheitswesen ueberdurchschnittlich gestiegen. In Deutschland wird, wie bereits erwaehnt, das Gesundheitswesen, also auch das Kurwesen zum grossen Teil aus der Sozialversicherung, vor allem der Krankenversicherung finanziert. Die steigenden Kosten im Gesundheitswesen haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermassen belastet und sich volkswirtschaftlich negativ ausgewirkt. Vom Grundsatz her sind also Sparmassnahmen im Gesundheitswesen durchaus sinnvoll. Allerdings wurde von den Sparmassnahmen vor allem das Kurwesen betroffen, waehrend andere Gesundheitsbereiche verschont blieben. Konkret wurden durch die letzte Gesundheitsstrukturreform folgende Massnahmen beschlossen:
l Die Kurdauer wurde von vier auf drei Wochen verkuerzt,
l Patienten muessen fuer ihre Anwendungen einen hoeheren Eigenanteil von
bis zu 25 DM pro Tag zahlen, und
l Kuren koennen statt alle drei Jahre nur noch alle vier Jahre beantragt
werden.
Um diese Reform durchzusetzen, hat die Politik systematisch und populistisch Stimmung gegen die Kur gemacht. Die Bedeutung der Kur fuer die Volksgesundheit wurde bewusst kleingeredet und stattdessen der Eindruck erweckt, Kur sei nicht mehr als ein staatlich finanzierter Urlaub.
Mit den Eingriffen in das Kurwesen wollten Regierung und Politik ein politisches Zeichen setzen, dass die soziale Rundumversorgung nicht mehr bezahlbar sei. In Wirklichkeit aber sollten die Einsparungen im Kurbereich nur verschleiern, dass der Staat deutliche Kostensenkungen bei anderen Leistungstraegern wie Aerzten oder der Pharmaindustrie nicht durchsetzen konnte und wollte.
Sowohl Aerzte als auch Pharmaindustrie verfuegen in Deutschland ueber eine starke Lobby, die alle sie betreffenden Sparmassnahmen wirkungsvoll bekaempfte. Ueber eine solche Lobby verfuegen die deutschen Heilbaeder nicht. Dabei ist die wirtschaftliche Wertschoepfung der Kur- und Tourismusbranche so gross wie die der Automobil-Industrie und hoeher als in der Stahl- und Chemieindustrie.
Die Sparmassnahmen fuehrten dazu, dass die Durchschnittsdauer der Kuren sank und weniger Menschen eine Kur beantragten oder erhielten. Als Folge sind die Uebernachtungszahlen in den deutschen Kur- und Heilbaedern um bis zu 60 Prozent zurueckgegangen. Das wiederum hat dazu gefuehrt, dass im Kurwesen insgesamt 30.000 Arbeitsplaetze vernichtet worden sind. Weitere 50.000 sind gefaehrdet. Experten gehen mittlerweile davon aus, dass nur ein Drittel der deutschen Kurorte im zunehmenden Konkurrenzkampf um die Kurgaeste ueberleben wird.
Aber nicht nur die Kurorte kaempfen ums Ueberleben, auch die einzelnen Kurkliniken. In der Vergangenheit hatten die meisten privaten Kurhaeuser Vertraege mit den Sozialversicherungstraegern. Die von den Krankenkassen und den Rentenversicherungstraegern entsandten Kontingente machten 90 Prozent der Kurgastzahlen aus. Die meisten dieser Vertraege wurden gekuendigt, weil die Sozialversicherungstraeger nun bevorzugt ihre eigenen Kurkliniken belegen. Damit sank die Auslastung vieler privater Kurhaeuser auf unter 50 Prozent und damit oft unter die Wirtschaftlichkeitsgrenze.
Fuer die Heilbaeder und ihre Kurkliniken war es daher wichtig, dass sie die Heilwaesser nutzen, um neue Marktsegmente im Bereich Kur, Gesundheitsurlaub und Tourismus zu besetzen. Ein Beispiel dafuer sind die Kompaktkuren, die ich schon angesprochen habe.
Darueber hinaus haben Heilbaeder, uebrigens auch Bad Mergentheim, Pauschalangebote entwickelt, die sich vor allem an gesundheitsbewusste Urlauber und Privatzahler wenden. Hier wurde vor allem in Baden-Wuerttemberg in den letzten Jahren viel getan:
l Kurangebote fuer Selbstzahler (z.B. im Bereich Stoffwechselstoerungen)
l Gesundheitspauschalen fuer den Alltag (Gesundheitswoche, Stressbewaeltigung)
l Neue Angebote im Sport- und Freizeitbereich (wie Aktiv-Wochen oder Bade-Pauschalen)
l Ansprechen neuer Zielgruppen (Familienurlaub, Pauschalen fuer Senioren,
Aktivurlaub fuer die juengere Generation) und Besetzen von Marktnischen
(wie behindertengerechte Pauschalangebote)
Viele Heilbaeder nutzen ihre Thermal- und Mineralquellen zunehmend kommerziell oder als touristische Attraktion. Das ist bei uns in Deutschland nicht anders als in Japan. Fast jedes groessere Heilbad hat mittlerweile grosse Bade- und Freizeitparks, wo sich Badespass, Sport, Erholung und Gesundheit verbinden lassen. Ob Sauna, Wellenbad, Solarium oder Aussenbecken ミ der Besucher findet alles, was einen Besuch in der Therme zum Erlebnis macht.
Wir gehen in Deutschland davon aus, dass die klassische, staatlich finanzierte Kur, nicht zuletzt wegen den finaziellen Engpaessen in den Kassen der Sozilaversicherung, nie mehr den Stellenwert erhalten wird, den sie noch bis vor drei Jahren hatte.
Wir koennen daher einen Trend beobachten, dass sich die Heilbaeder immer mehr zu Gesundheits- und Freizeitzentren entwickeln, um die Rueckgaeng im klassischen Kurbereicch auszugleichen. Damit ist vor allem eine staerkere Verknuepfung von Kur und Urlaub verbunden. Die Menschen erwarten im Urlaub, dass sie etwas fuer ihre Gesundheit tun koennen, und auf der anderen Seite moechten Patienten waehrend ihres Kuraufenthaltes attraktive touristische und kulturelle Angebote in Anspruch nehmen. Die Grenzen zwischen Kur und Urlaub werden sich also in Zukunft zunehmend aufloesen.
Wenn man Experten glauben darf, dann ist der Gesundheitssektor eine der Wachstumsbranchen des 21. Jahrhunderts. Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wird zunehemen, was nicht zuletzt an der Ueberalterung der Industriegesellschaften liegt.
Im Gesundheitswesen gibt es daher eine Reihe von Bereichen, die in Zukunft verstaerkt nachgefragt werden. Ich nenne hier nur stellvertretend: Altersmedizin, Allergie-Medizin, Hautkrankheiten, Stressbewaeltigung oder Verdauungsprobleme. Hier wird die heilende und entspannende Wirkung von Thermal- und Heilwaessern auch in Zukunft eine Rolle spielen. Mehr noch: Praevention und Rehabilitation, medizinische Kur und Gesundheitsurlaub werden zukuenftig mehr denn je gefragt sein, um den Zivilisationskrankheiten unserer Industriegesellschaften wirkungsvoll entgegentreten zu koennen.
Hier sehe ich die grosse Zukunftschance der Heilbaeder, ob in Bad Mergentheim, Deutschland oder auch in Japan mit seiner reichen Badekultur. Wo sonst als in den Heilbaedern wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten soviel Kompetenz und Fachwissen im Umgang mit Zivilisationskrankheiten aufgebaut? Wo sonst lernen Menschen einen verantwortungsvollen Umgang mit den Gesundheitsrisiken unserer modernen Gesellschaft? Und wo sonst koennen sie fuer einige Wochen Abstand gewinnen vom Stress und der Belastung des Alltags?
In Heilbaedern verbinden sich medizinische Fachkompetenz und heilende Quellen mit einer gesunden Umwelt. Ich freue mich, auf dieser Tagung mehr darueber zu erfahren, wie man in Japan mit diesen Ressourcen umgeht. Denngerade in einer Zeit, wo sich bei uns das Kurwesen im Umbruch befindet, kann man von den Erfahrungen und Entwicklugen in anderen Laendern lernen. Vor allem wenn es sich um Japan mit seiner einzigartigen Baederkultur handelt. In diesem Sinne wuensche ich Ihrer Veranstaltung noch einen interessanten Verlauf.